Cimișeni — Seiten der Geschichte: Bessarabiens Vergangenheit im Leben eines Dorfes

Cimișeni – file de istorie (1660–2013)

Cimișeni – file de istorie (1660–2013)

Mariana S. Țăranu, Historikerin, promoviert im Fach Geschichte

Wie erscheint die Geschichte Bessarabiens, wenn wir sie anhand einer einzigen Gemeinschaft betrachten? Was bedeutet eine Agrarreform für eine Familie, ein Wechsel der Unterrichtssprache für ein Kind oder die Einführung eines neuen politischen Regimes für die Bewohner eines Dorfes?

In meinem Buch Cimișeni – file de istorie (1660–2013) — Cimișeni — Seiten der Geschichte (1660–2013) — bin ich diesen Fragen anhand meines Heimatdorfes nachgegangen. Ich untersuchte Grundbesitz und Bevölkerung, Gemeindeverwaltung, Schule, Kirche, Wirtschaft und Gesundheitsversorgung sowie Kriege, Repressionen, Deportationen und Hungersnot. Mich interessierte, wie politische Veränderungen in die Haushalte hineinwirkten und das Leben der Menschen veränderten.

Land und Menschen: der Ausgangspunkt einer Geschichte

Der im Buch behandelte urkundliche Hinweis vom 15. Juli 1660 betrifft die Ländereien, auf denen sich das Dorf später entwickelte. Die Information stammt aus Radu Rosettis Untersuchung über den Grundbesitz in der Moldau. Frühere Namensformen — Ciumeșeni, Ciumeșani und Ciumișeni — ermöglichen es, den Ort in Dokumenten verschiedener Epochen zu verfolgen (S. 6–7).

Ich halte es für notwendig, zwischen der frühesten ermittelten urkundlichen Erwähnung und der Gründung einer Siedlung zu unterscheiden. Das Dokument bietet einen verlässlichen Ausgangspunkt für die Forschung; die Gemeinschaft selbst kann ältere Ursprünge haben.

Land nimmt im Buch einen wichtigen Platz ein, weil davon die Existenz und Selbstständigkeit der Familien abhingen. Im Zuge der Agrarreform nach 1918 wurden 238 Einwohner als zur Landzuteilung berechtigt anerkannt. Für die Schule war ein Grundstück von sechs Hektar vorgesehen (S. 8). Diese Angaben zeigen, wie eine landesweite Reform im Dorf konkrete Gestalt annahm.

Die Schule: Entwicklung anhand menschlicher Lebenswege

Die Geschichte der Schule verdeutlicht die Möglichkeiten und Grenzen verschiedener Zeitabschnitte.

1890 wurden 35 Kinder in die erste einjährige kirchliche Schule von Cimișeni aufgenommen: 26 Jungen und neun Mädchen. Nach den untersuchten Unterlagen bestand nur ein Schüler, Profire Dicusar, die Prüfungen am Jahresende. Der Unterricht fand auf Russisch statt (S. 26).

Hinter diesen Zahlen interessiert mich der Abstand zwischen Einschulung und Abschluss. Der Zugang zur Bildung hing von der Unterrichtssprache, den Mitteln der Familie und der Zeit ab, die Kinder für die Schule aufbringen konnten.

Nach 1918 wurde die Schule neu organisiert. 1921 war ein neues Gebäude mit zwei Klassenräumen und einem Lehrerzimmer fertiggestellt. Im selben Zeitraum sammelten die Dorfbewohner Geld für die Gründung einer Bibliothek (S. 33). Die Gemeinschaft wirkte an ihrer eigenen Entwicklung mit.

Ein Filmprojektor im Kircheninventar

Eine bemerkenswerte Einzelheit findet sich im abgedruckten Inventar des Kirchenbesitzes. Neben Büchern, Ikonen und liturgischen Gegenständen werden ein als defekt verzeichneter Filmprojektor „Pathé Baby“ und mehrere Filme mit religiösen Themen aufgeführt (S. 63–65).

Diese Gegenstände belegen den Kontakt des Dorfes mit damals modernen Formen visueller Kommunikation. Das Inventar gibt keinen Aufschluss darüber, wie häufig Filmvorführungen stattfanden. Es dokumentiert jedoch das Vorhandensein der Ausrüstung und der Filmrollen.

1933 wurde auf Initiative des Priesters Gheorghe Roșca außerdem der Grundstein für ein Kulturhaus gelegt (S. 62). Solche Angaben sind für mich wichtig: Zur Geschichte einer Gemeinschaft gehören Eigeninitiative, Bildung und das Streben nach Fortschritt.

Die Hungersnot: Verwaltungsdokumente und Familienerinnerungen

Bei der Untersuchung der Hungersnot von 1946–1947 verglich ich Verwaltungsunterlagen mit den Erinnerungen der Überlebenden.

In Cimișeni bestand von Dezember 1946 bis März 1947 eine Hilfsküche. Weil Brennstoff zur Beheizung des Gebäudes fehlte, wurden die Lebensmittel nach Hause geliefert. Die Dokumente verzeichnen täglich 200 Gramm Brot für 240 Menschen sowie die Notwendigkeit, weitere erkrankte Einwohner mit Nahrung zu versorgen (S. 89–90).

Ioana Cucinschi erinnerte sich daran, dass ihre Familie aus Angst vor Diebstahl die Kuh im Haus hielt. Ihre Mutter tauschte Kleidung und Haushaltsgegenstände gegen Gerste. Uliana Țăran berichtete über Ersatznahrung und die Ziege, die ihrer Familie beim Überleben geholfen hatte (S. 91).

Die Unterlagen beschreiben die Lebensmittelverteilung; die Erinnerungen lassen den täglichen Kampf ums Überleben erkennen. Zur Gesamtzahl der Todesopfer im Dorf halte ich im Buch ausdrücklich fest, dass die untersuchten Quellen keine genaue Angabe erlauben (S. 90).

Ein Buch über Wurzeln und Wandel

Ich arbeitete mit Dokumenten aus Archiven der Republik Moldau, zeitgenössischen Zeitungen, Fachliteratur und Aussagen von Dorfbewohnern. Dabei benannte ich auch die Grenzen der Untersuchung: Verlorene Unterlagen verhindern bisweilen eine vollständige Rekonstruktion der Vergangenheit.

Das Buch hat für mich eine persönliche Bedeutung. Es ist meinen Eltern Simion und Lidia Țăranu gewidmet. Meine Mutter gehörte zu den Menschen, die mich bei der Ordnung und Ergänzung des Materials unterstützten, gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern (S. 3–5).

Cimișeni — Seiten der Geschichte richtet sich an Menschen, die ihre familiären Wurzeln suchen, an Interessierte der Ortsgeschichte und an Leser, die Bessarabien anhand konkreter Erfahrungen verstehen möchten. Namen, Dokumente und Fotografien bewahren das Gedächtnis der Gemeinschaft und zeigen, wie Menschen ihr Leben unter wechselnden Bedingungen aufzubauen versuchten.

Vorgestelltes Buch: Mariana S. Țăranu, Cimișeni – file de istorie (1660–2013).

Die Verweise beziehen sich auf die gedruckten Seiten des rumänischen Textes.

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