Die Deportation der Eliten: wie eine Gesellschaft auseinandergerissen wurde und wie lange die Angst blieb

Timpuri pe care nu le-a vrut Dumnezeu sau deportarea elitelor din Moldova sovietică

Timpuri pe care nu le-a vrut Dumnezeu sau deportarea elitelor din Moldova sovietică

Mariana S. Țăranu, Historikerin, promoviert im Fach Geschichte

Was verliert eine Gemeinschaft, wenn ihre Lehrer, Priester, ehemaligen Bürgermeister, Kaufleute und selbstständigen Bauern gewaltsam verschleppt werden? Mit den Menschen verliert sie Erfahrung, Vertrauen und Orientierung. In meiner Forschung zu den sowjetischen Deportationen untersuche ich diesen Zusammenhang zwischen dem Schicksal einer Familie und der Veränderung der Gesellschaft, aus der sie herausgerissen wurde.

Mein 2023 in Chișinău erschienenes Buch Timpuri pe care nu le-a vrut Dumnezeu, sau Deportarea elitelor din Moldova sovietică — Zeiten, die Gott nicht gewollt hat, oder die Deportation der Eliten aus der sowjetischen Moldau — behandelt die erste Welle der stalinistischen Deportationen in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1941. Anschließend verfolge ich das Leben der Deportierten, die Erfahrungen ihrer Kinder, die Versuche einer Rückkehr und die Schwierigkeiten in der Heimat. Die Geschichte der Deportation erstreckt sich damit über Jahrzehnte.

Wie die Vergangenheit eines Menschen zum Vorwurf wurde

Die Vorbereitung der Operation begann lange vor Juni 1941. Im November 1940 verlangte ein geheimes Telegramm die Erfassung „antisowjetischer Elemente“. Dazu zählten unter anderem wohlhabende Bauern, Kaufleute, ehemalige Beamte, Polizisten, Gendarmen und Mitglieder rumänischer politischer Parteien. Für jede Kategorie wurden Unterlagen verlangt, die die Einstufung in der jeweiligen Akte stützen sollten (S. 11).

Diesen Mechanismus halte ich für entscheidend: Beruf, Eigentum und frühere Tätigkeiten konnten zum Anlass politischen Verdachts werden. Die Behörden ordneten Menschen anhand ihrer Vergangenheit und ihrer Stellung in der Gemeinschaft ein.

Mit „Eliten“ meine ich auch örtliche Bezugspersonen: Menschen mit Bildung, Autorität, Eigeninitiative oder wirtschaftlicher Selbstständigkeit. Ihre Entfernung schwächte die Fähigkeit der Gemeinschaften, sich zu organisieren und aufgezwungenen Veränderungen zu widerstehen.

Eine Familie, zwei Zielorte

Die Familie Chele aus Sângerei zeigt konkret, wie die Repression funktionierte. Constantin Chele wurde wegen seiner Zugehörigkeit zur Nationalen Bauernpartei beschuldigt und 1941 zu acht Jahren Zwangsarbeit im Lager Iwdellag verurteilt. Seine Frau Ecaterina und die 1940 geborene Tochter Lidia wurden in die Region Tomsk deportiert (S. 22).

In meiner Untersuchung vergleiche ich Ecaterina Cheles Erinnerungen mit den Angaben in Cartea memoriei, dem unter der wissenschaftlichen Leitung von Elena Postică erarbeiteten Gedenkbuch. Persönliche Zeugnisse und dokumentarische Angaben ermöglichen es, sowohl die Erfahrungen der Familie als auch den Ablauf der Repression zu rekonstruieren.

Dabei müssen wir zwischen der Haft in einem Arbeitslager und dem verpflichtenden Aufenthalt in einer Sondersiedlung unterscheiden. Die Lebensbedingungen und der rechtliche Status waren verschieden. Bei dieser Familie gehörte die Trennung des Vaters von seiner Frau und seinem Kind zu derselben repressiven Operation.

Kinder trugen die Folgen der Vorwürfe gegen ihre Eltern

Den deportierten Kindern habe ich ein eigenes Kapitel gewidmet. Ihre Erfahrungen zeigen, wie tief der Staat in das Familienleben eingriff.

Vasile Terenti aus Grimcăuți war bei seiner Deportation vierzehn Jahre alt und wurde zur Holzarbeit eingesetzt. Sein Fall ist durch eine Akte im Nationalarchiv der Republik Moldau dokumentiert (S. 116).

Vasile Dumbravă aus Musteață war sechs Jahre alt. Nach dem Tod seiner Mutter kam er in ein Waisenhaus. In den am Deportationsort erstellten Dokumenten erscheint sein Familienname in der russifizierten Form „Dumbrov“ (S. 118).

Diese Fälle machen deutlich, dass Deportation auch den Verlust der Kindheit und des familiären Schutzes bedeutete. Mitunter veränderte sie sogar die in amtlichen Unterlagen festgehaltene Identität.

Die Rückkehr in die Heimat und das Fortbestehen der Angst

Entlassung und Rückkehr führten nicht automatisch zur Wiedererlangung des Hauses, der gesellschaftlichen Stellung oder des Vertrauens anderer Menschen. Bei der Untersuchung dieser Folgen beziehe ich auch die Beobachtungen des Arztes Nicu Ioniță über die Hafttraumatisierung ein und setze sie zu den dokumentierten Erfahrungen deportierter Familien in Beziehung (S. 172–173).

Eine Episode aus meinem Interview mit Eugen Livovschi vom 1. Mai 2015 ist mir besonders in Erinnerung geblieben. In den 1970er Jahren hatte er nach einem Überlebenden des Iwdellag gesucht, der ihm erklären konnte, wie sein Vater Nicolae Livovschi, der Schulleiter von Zgărdești, gestorben war. Er fand einen ehemaligen Mitgefangenen seines Vaters. Während unseres Gesprächs weigerte er sich jedoch, dessen Namen zu nennen (S. 174).

Ich deute diese Zurückhaltung als Hinweis auf die fortbestehende Angst in seinem persönlichen Fall. Die Episode zeigt, weshalb die Geschichte der Repression auch nach der Aufhebung administrativer Beschränkungen weiterverfolgt werden muss.

Warum ich dieses Buch geschrieben habe

Ich habe Archivdokumente, Erinnerungen und Interviews zusammengeführt, um den Zusammenhang zwischen politischen Entscheidungen und dem Leben der Menschen zu erklären. Dokumente zeigen die Organisation der Repression; Zeugnisse zeigen die erlebte Wirklichkeit.

Das Buch richtet sich an Menschen, die die Deportationen von 1941, ihre eigene Familiengeschichte und die langfristigen Folgen der Sowjetisierung verstehen möchten. Namen und individuelle Erfahrungen wieder sichtbar zu machen, ist für mich ein wesentlicher Teil historischer Forschung. So erkennen wir die Menschen hinter den Verwaltungskategorien und verstehen, welchen Preis ihre Einstufung als „Feinde“ hatte.

Zum Buch: Mariana S. Țăranu, Timpuri pe care nu le-a vrut Dumnezeu, sau Deportarea elitelor din Moldova sovietică, Chișinău: Lexon-Prim, 2023, 251 S. ISBN 978-9975-172-24-0.

Die Seitenangaben beziehen sich auf die rumänische Ausgabe von 2023.

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